“Nie wieder Vollbeschäftigung?” – diese eher frustrierende Frage war Thema einer vom Bildungswerk Berlin, der Heinrich-Böll-Stiftung und vom BiwAK e.V. veranstalteten interessanten Podiumsdiskussion am Donnerstag Abend. Eingeladen waren Wolfgang Engler, Kultursoziologie und Buchautor, Karoline Beck, Unternehmerin und Markus Kurth, MDB B90/Grüne.
Engler begann vor ca. 120 Zuhörern mit einem Streifzug durch die Geschichte der Arbeit. Er betrachtete es als eine zivilisatorisch positive Entwicklung, dass die Arbeitszeiten seit der Industrialisierung immer kürzer geworden seien. Allerdings gäbe es nicht nur hier wieder Tendenzen in eine andere, negative Richtung. Denn neben den mittlerweile wieder länger gewordenen Arbeitszeiten gäbe es auch schon seit einiger Zeit wieder immer mehr Leute, die trotz Arbeit arm seien und sich nicht davon ernähren können.
Engler sprach von einer “Arbeitsreligion”, die einem schon gar nicht mehr zu realisierenden Ziel der Vollbeschäftigung huldigt und die die Arbeit als zentralen Sinn des Lebens darstellt. Vollbeschäftigung als eine Illusion, die von der Politik weiter verfolgt wird, anstatt sich Gedanken über die Millionen von Arbeitslosen zu machen, wie diese ihre Leben mit der Arbeitslosigkeit am besten bewältigen können. Man könne sich fragen, ob jede Arbeit besser sei als keine und wenn man keine habe – wie sieht dann ein erfülltes Leben aus?
Die Unternehmerin Beck sah dagegen einen Zuwachs an Arbeit, aber eher in Bereichen wie Schwarzarbeit oder im Ehrenamt. Zur “Arbeitsreligion” bemerkte sie, das sie keine Alternativen zu Arbeit sehe, eine Finanzierung von Nichtarbeit sei nicht möglich.
Auch Bündnisgrünen-Politiker Kurth sprach von einer Menge zur Verfügung stehender Arbeit, die erledigt werden müsse. So gäbe es zu wenig personelle Ressourcen in Bereichen wie zum Beispiel der Pflege.
Entgegen Engler’s Positionen war für ihn Arbeit immer noch zentraler Sinnerfüllungszusammenhang.
Qualifizierungen förderten seiner Meinung nach “gute Arbeit”, also besser bezahlte und wohl auch interessantere Arbeit. Kurth forderte intermediäre Institutionen zwischen Markt und Staat.
Im Anschluss daran bemängelte Engler, dass Menschen ohne Arbeit heutzutage an den Rand der Gesellschaft verstossen werden, wenn sie keine Arbeit haben. Er schilderte eine Studie die mit Langzeitarbeitslosen gemacht worden ist. Es zeigten sich bei diesen Leuten Probleme beim Knüpfen sozialer Beziehungen, geringere politische Aktivitäten und gar geringeres Interesse, Bücher zu lesen. Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer “müden Gesellschaft”.
Dies führte zu Engler’s Schlussfolgerung, man müsse eine Welt ohne Arbeit erst lernen.
Wenn nicht der Beruf das Leben bestimme, dann sollte man das Leben zum Beruf machen.
Eine anschliessende Frage aus dem Zuhörerschaft, ob denn Arbeitsverzeitverkürzung eine Massnahme zur Reduzierung von Arbeitslosigkeit sei verneinte Unternehmerin Beck. Denn ihrer Meinung nach könne man nicht einfach unterstellen, dass Arbeit beliebig teilbar sei. Auch ein Ausgleich durch Produktionssteigerungen sei nicht möglich. Nur das Prinzip “weniger Arbeiten bei weniger Einkommen” sei für sie vorstellbar.
Es kam des weiteren von den Zuhörern eine kritische Anmerkung, die sogenannte “Vollbeschäftigung” damals in der Bundesrepublik sei nicht echt gewesen, da es vielen Frauen und Müttern nicht möglich war, arbeiten zu gehen.
Beck nahm diese Anmerkung auf und forderte ihrerseits eine Grundsicherung für Mütter, denn diese leisteten auch einen gesellschaftlichen Beitrag.
Zum Abschluss des Abends hatte Moderator Ralf Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung noch eine kritische Anmerkung zu Engler’s Thesen. So seien seiner Meinung nach bei den Modellen die Aspekte “demographischer Wandel” und “Globalisierung” vergessen worden.
Engler bemerkte zu letzterem, dass die gesamte Thematik nicht im nationalen Alleingang sondern nur im Verbund mit anderen Ländern zu lösen ist.