Fahrradhauptstadt Berlin

Ursprünglich aus der Provinzstadt Münster kommend, habe ich gelernt, dass man dort stolz von sich behauptet, Fahrradhauptstadt Deutschland’s zu sein.  Und da scheint auch was dran zu sein, denn Fahrräder sieht man dort überall, ob in den schmalsten Straßen, in Fußgängerzonen, wie auch auf Gehwegen. Außerdem kann man trotz Fahrradparkhaus (!) gleich eine riesige Anzahl von ihnen, Marke verrostet, rund um den Hauptbahnhof herumstehen sehen.

Momentan geht der Titel Fahrradhauptstadt aber eher an Berlin. Der Streik im öffentlichen Nahverkehr in Berlin hat den Effekt, dass man praktisch zu jeder Tageszeit, bei jeder Temperatur und an allen Orten Gruppierungen von FahrradfahrerInnen findet, von denen wahrscheinlich die meisten ihr Gefährt schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefahren haben.

Shoppen aus Langeweile

Bei der BVG haben sie noch nicht auf die adventzeitlichen Sonntags-Einkaufsfreuden reagiert. Während der neue Fahrplan einiges an Änderung zu bieten hat, fährt die U-Bahn vom S+U Pankow stur nach Feiertagsplan und das heisst sie transportiert mich und die zahlreichen anderen Fahrgästen nur alle 10 Min Richtung Zentrum. Am Alex herrscht Geschäftigkeit wie an einem Werktag, es ist eher sogar noch voller als zwischen Montag und Freitag wozu der dortige Weihnachtsmarkt auch ein gutes Stück beiträgt. Schon am Sonntag davor hat ein großer Teil der Berliner und Brandenburger den Sonntag entgegen den Wünschen der christlichen Kirchen anstatt zur Besinnlichkeit zum Shopping genutzt. Dabei könnte man das Argument der Kirchen durchaus verstehen, aber: Wer Besinnlichkeit will, der kann zuhause bleiben, der braucht ja nicht nach Saturn, Kaufhof und co. und wenn die Kirchen eben diese Besinnlichkeitsmöglichkeit für die arbeitenden Verkäufer haben wollen, dann bitte auch konsequenterweise für alle anderen Sonntagarbeiter, denn die Kellnerin und der Mitarbeiter im Kino haben das gleiche Recht. Es scheint mir, von allen den neuen Öffnungszeiten ist die gelegentliche Sonntagsöffnung noch wesentlich beliebter als die Spätabend-Öffnungen, da viele anscheinend schon wegen des Wetters nichts besseres einfällt, als sich mal anzuschauen, was es zu kaufen gibt. Shoppen gegen die Langeweile? Eventuell.

Daran denke ich unwillkürlich, während ich mir den Trubel am Alex aber auch in anderen Gegenden der Stadt anschaue. Ich selbst beteilige mich logischerweise auch daran, bin ein Teil davon. Nachdem ich einiges zusammengekaufe, mir auch noch meine Wolle vom Kopf scheren lasse, geht es zu Fresh’n Friends, bei denen es keine Rolle spielt welcher Tag und wie spät es ist. Hier gibt es Biofood zu jeder Zeit. Zurück fahre ich schließlich mit der überfüllten Tram Richtung Heimat.

Ersatzverkehr

Spät abends. Wir wollen nach Hause und überlegen wie wir das am besten mit dem öffentlichen Nahverkehr veranstalten. Momentan pausiert ein Großteil der in Berlin fahrenden Trams, Ersatzverkehr ist angesagt. Unter anderem auch bei der M1. Das ist die Linie, die wir brauchen.

Am Bahnhof Friedrichstraße angekommen, ergibt sich für den Reisenden erst einmal ein spätösterliches Suchspiel. Denn wo bitte ist die Ersatzsbushaltestelle “Friedrichstr./Am Weidendamm”? Zur Auswahl stehen zwei Richtungen, die unter dem Bahnhofstunnel durch ist richtig und nach ca. 5 Gehminuten erreichen wir die gut versteckte Haltestelle. Als wir den Bus besteigen, sind wir noch guten Mutes, bald zuhause zu sein, die BVG wird das schon prima mit dem Umstieg an der Eberswalder in die dort wartende Tram organisiert haben. Aber weit gefehlt, Gerade auf der Kreuzung Schönhauser Allee/Kastanienallee angekommen sehen wir die Tram schon an der Haltestelle warten. Den Fahrer der Tram interessiert es anscheinend wenig, dass wir noch nicht da sind, er wundert sich auch wohl nicht, dass bisher in der Tram trotz normalerweise großer Fülle am Wochenende nur ein paar Leute drin sind. Er starrt auf unseren Bus und fährt munter vor unseren Augen los. Da wir nun 30 Minuten Wartezeit haben, um auf die nächste Tram zu warten bleibt viel Gelegenheit darüber zu nachzudenken, was die BVG unter einem funktionierenden Ersatzverkehr versteht.

Vor kurzem hätten wir übrigens wieder mit dem gleichen Ersatzbus fahren müssen, dieses Mal von der Anfangshaltestelle Am Kupfergraben aus. Und wieder wars nüscht mit dem Transportieren Richtung Heimat. Denn dort angekommen stellten wir fest, dass der Fahrer den gesamten Bus erfolgreich mit Zigarettenrauch eingenebelt hatte. Der ganze Bus war so verqualmt, dass wir es vorgezogen haben, nach zwei Haltestellen wieder auszusteigen. Warum für Fahrgäste ein absolutes Rauchverbot in Bussen und Bahnen gilt, der jeweilige Fahrer aber sein Gefährt lustig unter Qualm setzen kann bleibt mir ein Rätsel.